LangBiografie
Günther Berkhahn
11.07.1910 – 12.03.1982
11.07.1910 – 12.03.1982
Der gebürtige Berliner hatte in den 1920er-Jahren in Wiesbaden die Oranienschule besucht. Einer seiner Lehrer war der erzkonservative, schließlich wegen seiner Beteiligung am Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 hingerichtete Studienrat Hermann Kaiser. Dessen mutigem antinazistischen Engagement hat Berkhahn später stets größten Respekt gezollt. Von 1925 bis 1928 hat er, der auch Gründer und zeitweiliger Leiter der quantitativ freilich recht unbedeutenden hiesigen Gruppe des Sozialistischen Schülerbundes gewesen ist, die Wiesbadener Handwerker- und Kunstgewerbeschule besucht. Anschließend ließ er sich bis 1930 an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin weiterqualifizieren.
Wieder zurück in Wiesbaden, schloss er sich der etwa zehnköpfigen Ortsgruppe des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS) an. Dieser gehörten beispielsweise auch sein Bruder Fritz sowie Hermann Maaß an, Sohn des Reformpädagogen und SPD-Kommunalpolitikers Johannes Maaß, ferner Hans John, der dann ebenfalls als Widerstandskämpfer des „20. Juli“ ermordet wurde, desgleichen der von Günther Berkhahn angeworbene Eugen Lux und zu guter Letzt, gewissermaßen als einer ihrer führenden Köpfe Georg Rosenthal, welcher unter dem Pseudonym Georg W. Manfred bereits früh eine vergleichsweise beachtliche schriftstellerische Aktivität entfaltet hat.
Zwar durfte die 1929 von der KPD initiierte Wiesbadener BPRS-Gruppe ihre eher unregelmäßigen Treffen im Hinterzimmer von deren Stammlokal „Zum Elefant“ im Westend durchführen, doch gehörten nur wenige ihrer Mitglieder – wie Günther Berkhahn – auch dieser Partei bzw. deren Jugendverband an. Gleichwohl empfanden sich jene klassenkämpferisch ambitionierten Jungliteraten allesamt durchaus als Kommunisten, wobei der jeweilige politische Kurs der KPD von ihnen allerdings mitunter ziemlich heftig kritisiert wurde.
Anfang der 1930er-Jahre hat Berkhahn kurze Zeit für den Ullstein Verlag als Zeichner gearbeitet und dann auch für den „Roten Pfeffer“, die – so der Untertitel – „satirische Zeitschrift der KPD“. Nachdem er an der Reichskonferenz des BPRS in Berlin teilgenommen hatte, übersiedelte er 1932 nach Argentinien zu seiner Mutter und seinem Stiefvater Prof. Federico Graef, der dort als Cheftopograf der Regierung wirkte. 1933/34 konnte Berkhahn an einer Erdölexpedition für das argentinische Landwirtschaftsministerium teilnehmen und erstmals als Zeichner für das dezidiert liberale „Argentinische Tageblatt“ tätig werden, welches schon damals ein wichtiges Forum des deutschsprachigen Exils in Lateinamerika war.
Über Schweden reiste er im Sommer 1934 nach Frankreich, wo er eine Weile zum Mitarbeiterteam des von ihm ungemein wertgeschätzten Willi Münzenberg gehörte, dem rührigen Propagandaspezialisten der KPD und vormaligen Reichstagsabgeordneten für den Wahlkreis 19 Hessen-Nassau. Dieser sorgte in Paris u. a. für die regelmäßige Herausgabe des KP-Organs „Der Gegen-Angriff“. Für diese – so ihr seinerzeitiger Untertitel – „Antifaschistische Wochenschrift“ war Berkhahn als politischer Karikaturist tätig, wobei er nicht nur das Namenskürzel G. B. benutzte, sondern auch die Pseudonyme Jan Martell und G. B. Swanholm. Außerdem ist er dort an den Vorbereitungen für eine große antinazistische Ausstellung beteiligt gewesen.
Bis zum Herbst 1934 hatte er vom Ausland aus noch eine regelmäßige konspirative Verbindung nach Wiesbaden zu seinem Freund Eugen Lux aufrechterhalten können. Von diesem waren ihm sogar verschiedentlich kleinere Texte zugesandt worden, die sodann in gleicher Weise unter Pseudonym im „Gegen-Angriff“ veröffentlicht wurden, so z. B. ein Bericht über die faschistischen Maifeiern in unserer Stadt oder auch ein Kurzdrama über die „Betriebsgemeinschaft“-Ideologie der Nazis. Auch die Korrespondenz der beiden Berkhahn-Brüder lief über die Deckadresse von Lux, bis dieser, obgleich selbst kein KPD-Mitglied, im Oktober 1934 in eine größere, gegen jene Partei gerichtete Verhaftungsaktion der Gestapo geriet, wodurch diese Kommunikationsmöglichkeit irreversibel zerstört war.
Über Schweden und Großbritannien gelangte Günther Berkhahn, der zu jener Zeit aus der KPD ausgetreten ist, 1935 abermals nach Argentinien, wo er für das dortige Verteidigungsministerium an einer kartographischen Expedition teilnahm. Danach wurde er vom spanischen Landwirtschaftsministerium als Lehrer für geologische Grafik verpflichtet.
Am Spanischen Bürgerkrieg nahm er seit Anfang 1937 zwei Jahre lang teil. An der Militärakademie der republikanischen Armee in Barcelona unterrichtete er Topografie und war ferner als hierfür zuständiger Stabsoffizier auch an den Fronten vor Madrid, Córdoba und am Ebro eingesetzt. Für die Zeitung des 8. Bataillons der 13. Internationalen Brigade verfasste er unter dem Pseudonym Hans Pfeffer einige kleinere literarische Texte in BPRS-Manier. Die seinerzeit hautnah erfahrenen verbrecherischen Vorgehensweisen stalinistischer Interbrigadisten gegen trotzkistische, anarcho-syndikalistische und andere linke Spanienkämpfer zementierten seine scharfe Kritik am Sowjetkommunismus und an sämtlichen seiner Apologeten, wenngleich er an seiner sozialistischen Grundüberzeugung ansonsten beharrlich festhielt.
Nach einem mehrmonatigen Lazarettaufenthalt in Barcelona flüchtete Berkhahn im Februar 1939 vor den in Spanien siegreichen Faschisten nach Schweden. Dort schrieb er unter dem Pseudonym G. B. Hamar für mehrere Presseorgane, so u. a. für den „Socialdemokrat“ sowie für das Scherzmagazin „Söndagsnisse-Strix“. Im März 1940 wurde er wegen angeblich fortbestehender KP-Mitgliedschaft in staatlichen Gewahrsam genommen. Nach wenigen Monaten führte erst ein Hungerstreik zu seiner Freilassung.
Daraufhin konnte er über die UdSSR, Japan, die USA und Chile ein drittes Mal nach Argentinien reisen, das inzwischen zu einem der wichtigsten Exilländer überhaupt geworden war. Hier hielt er sich mit diversen Gelegenheitsarbeiten über Wasser, arbeitete auch als Theatermaler und war zudem wiederum für das von faschistischen Auslandsdeutschen heftig attackierte, im „Dritten Reich“ verbotene „Argentinische Tageblatt“ tätig. Dem seit Errichtung einer faschistischen Militärdiktatur dortzulande drastisch verstärkten Verfolgungsdruck wich der 1941 vom Deutschen Reich Ausgebürgerte 1944 nach Uruguay aus.
1950 nach Deutschland zurückgekehrt, wurde Berkhahn zunächst Grafischer Leiter der „ERP Ausstellung Hessen“, welche vom Bundesministerium für Angelegenheiten des Marshallplanes unter Schirmherrschaft des Hessischen Ministeriums für Arbeit, Landwirtschaft und Wirtschaft veranstaltet worden ist. Eine Zeit lang war er Mitglied der SPD, die er als Werbeberater und Grafiker während mehrerer Wahlkämpfe unterstützte. Als journalistischer Mitarbeiter ist er für den Norddeutschen ebenso wie für den Hessischen Rundfunk tätig gewesen. Des Weiteren publizierte er in verschiedenen Presseorganen, so etwa in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, in der „Rheinischen Post“ und in „das da magazin. Monatszeitschrift für Kultur und Politik“. Auch der Evangelische, der Katholische und der Sozialdemokratische Pressedienst zählten ihn zu ihren Autoren.
Voller Optimismus begegnete Berkhahn den im Laufe der 1960er-Jahre zunehmend kritisch und rebellisch werdenden Teilen der jungen Generation. Diese, die sich hier vor allem im 1967/68 ins Leben gerufenen Club Voltaire, auch in den an mehreren Schulen, so z. B. an der Oranienschule bestehenden winzigen antiautoritären Basisgruppen bzw. um die „Linke Schülerpresse“ und bald darauf im POP-Club für Folklore, Politik und Information versammelten, versuchte er im antifaschistischen und antistalinistischen und dabei zugleich im demokratisch-sozialistischen Sinne zu beeinflussen. 1970 präsentierte die Galerie im POP-Club eine Ausstellung seiner satirischen Zeichnungen. Ebenso wurde die in Wiesbaden nun langsam beginnende lokalgeschichtliche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und insbesondere mit dem antinazistischen Widerstand durch ihn nach Kräften unterstützt. Für das Münchner Institut für Zeitgeschichte verfasste er zu jener Zeit zahlreiche, inzwischen im Internet abrufbare autobiografische Texte zum politischen Exil.
Der seit Langem politisch heimatlose, da konsequent undogmatische Linke verbitterte mit der Zeit zusehends, vor allem dies wegen der damals in Westdeutschland durchaus ungenügenden Anerkennung des politischen Widerstandes gegen die NS-Gewaltherrschaft und speziell wegen der Missachtung des diesbezüglichen Engagements der antifaschistischen Spanienkämpfer. In seinen letzten Lebensjahren erhielt er jedoch neuen Auftrieb durch den Kontakt und nachfolgend die publizistische Kooperation mit dem früheren Aktivisten der Außerparlamentarischen Opposition (APO) Dr. Rudi Dutschke. Ihn hatte Berkhahn Anfang 1977 bei einer vom städtischen Jugendzentrum PUB in der Aula der Elly-Heuss-Schule durchgeführten Diskussionsveranstaltung zum „Prager Frühling“ mit dem tschechoslowakischen Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Ota Šik kennen gelernt. Seither wurde Berkhahn, der in großer Armut in einer Hinterhauswohnung in der Luisenstraße lebte, des Öfteren nicht zuletzt von Dutschke und dem mit beiden befreundeten seinerzeitigen Dramaturgen am Hessischen Staatstheater Wiesbaden Dr. Michael Schneider zum kritischen Gedankenaustausch besucht. Ein von Berkhahn und Dutschke eigentlich beabsichtigtes gemeinsames Buchprojekt konnte nicht mehr realisiert werden, weil dieser Protagonist der einstigen antiautoritären Bewegung am 24. Dezember 1979, gut zwei Jahre vor Berkhahns Tod, plötzlich an den Spätfolgen des 1968 auf ihn in Berlin verübten Pistolenattentats verstarb.
Dr. Axel Ulrich
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Günther Berkhahn
Wolfgang Herber, Wiesbaden
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Günther Berkhahn
Hessisches Landesarchiv, Abt. Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden 483/11276

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Günther Berkhahn
Stadtarchiv Wiesbaden, NL 75, Nr. 196