LangBiografie
Johannes Maaß
27.02.1882 – 24.04.1953
27.02.1882 – 24.04.1953
Der im kleinen Westerwaldort Dorndorf geborene Landwirts- und
Gastwirtssohn, der in Montabaur zum Volksschullehrer ausgebildet worden
war, ist in diesem Beruf zunächst in Eddersheim, Sossenheim und Berod
beschäftigt gewesen. Danach hatte er ohne Abitur einige Semester in
Berlin u. a. Germanistik und Geschichte studieren dürfen und war dann
hierorts von 1909 bis 1933 pädagogisch tätig, unterbrochen nur 1914/15
vom Militärdienst in Mainz. Während der Weimarer Republik wirkte er in
Wiesbaden zudem als SPD-Stadtverordneter und ehrenamtlicher Stadtrat,
und zwar von 1919 bis 1933, ebenso als Vorsitzender des von ihm 1920
mitgegründeten Volkshochschulbundes, als Geschäftsführer und Leiter der
Volkshochschule (VHS) sowie als Mitglied vieler Ausschüsse, Deputationen
und Kommissionen. Auch engagierte Maaß sich für eine damalige kleine
Volksschullehrer-Gewerkschaft, deren hiesigen Zweigverein er 1912
mitgegründet hatte. Darüber hinaus veröffentlichte er etliche
pädagogisch-politische Schriften, darunter die beide 1919 erschienenen
Broschüren „Demokratie, Sozialismus und Schule“ und „Die Volksschule im
Volksstaat“.
Im Fokus seines schulischen wie außerschulischen Schaffens stand stets die Demokratieerziehung. Getreu seinem Kredo „Den Schwachen helfen, der Gerechtigkeit dienen“ galt sein besonderes Augenmerk dabei der Arbeiterschaft, den Arbeitslosen und der schulentlassenen Jugend. Deshalb wurde von ihm auch in Kooperation mit Georg Buch von der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), welche bereits seit geraumer Zeit ein kleineres diesbezügliches Bildungsprogramm durchführte, speziell für diese SPD-Jugendorganisation ein umfassendes, an der VHS angesiedeltes Kursprogramm entwickelt: Die „Schule der Arbeiterjugend“ startete mit ihren Veranstaltungen im Frühjahr 1932, war eigentlich auf drei Jahre angelegt und erfreute sich sogleich ziemlich großen Zuspruchs. Zur Heranbildung entsprechend qualifizierter jüngerer sozialdemokratischer Führungskräfte wurde dort eine Vielzahl politischer, ökonomischer, juristischer und sonstiger Themen behandelt, so z. B. die beiden brandaktuellen Probleme „Bolschewismus und Faschismus“ und die entsprechend höchstbrisante Frage „Demokratie oder Diktatur?“. Doch jener frühe lokale Ansatz zu systematischer staatsbürgerlicher Bildungsarbeit im demokratiestabilisierenden Sinne wurde schon bald nach der Machtübergabe an die „Nationalsozialisten“ von diesen zunichte gemacht.
Nachdem die NSDAP von ihm noch kurz zuvor nicht zuletzt wegen ihrer von
ihm dezidiert als unsinnig und demokratiefeindlich verurteilten „Blut
und Rasse“- bzw. ihrer „Blut und Boden“-Ideologie heftig kritisiert
worden war, sah Maaß sich im Frühjahr 1933 gezwungen, vom Vorsitz des
Volkshochschulbundes und als Studienleiter der VHS zurückzutreten wie
auch aus seiner Partei auszutreten. Als ehrenamtliches
Magistratsmitglied musste er ebenfalls ausscheiden. Nur als
Geschäftsführer der VHS konnte er noch eine Weile weiterwirken, bis ihm
nach seiner Entlassung aus dieser Funktion im Sommer jenes Jahres das
Betreten der Geschäftsräume der von den NS-Machthabern inzwischen als
demokratische Bildungseinrichtung zerschlagenen VHS überhaupt verboten
wurde. Seine politisch bedingte Zwangspensionierung als Volksschullehrer
an der Blücherschule war gleichfalls unabwendbar.
Während sich sein Sohn Hermann, der sich vor 1933 der kleinen Wiesbadener Ortsgruppe des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller angeschlossen hatte, nun ohne sein Wissen für die KPD antinazistisch betätigte, war für Johannes Maaß ein Engagement vergleichbarer Art für die inzwischen genauso verbotene SPD vor allem wegen seines großen Bekanntheitsgrades gänzlich ausgeschlossen. Gleichwohl traf er sich noch geraume Zeit allmonatlich mit Gleichgesinnten zum oppositionellen Gedankenaustausch in der Mietwaschküche des vormaligen Geschäftsführers der Wiesbadener SPD Richard Otto und seiner Frau Emma. Darüber hinaus war Maaß in das geheime informelle Kontaktnetz eingeklinkt, mit dem Georg Buch, seit 1933 gleichzeitig Anführer einer aus SAJ- und SPD-Mitgliedern bestehenden Widerstandsgruppe, bis zu seiner Verhaftung im Frühjahr 1941 auch etliche weitere prominente Sozialdemokraten antinazistisch beeinflusste. Die strategische Absicht jener differenzierten Vorgehensweise im Widerstand bestand darin, die wichtigsten, wegen ihrer früheren politischen Aktivitäten allzu bekannten und insofern besonders abzuschirmenden Parteifunktionäre ebenso wie eine bestimmte Kerngruppe nicht minder zuverlässiger, doch bis 1933 noch nicht sonderlich hervorgetretener jüngerer Sozialdemokraten unauffällig zusammenzuhalten und in ihrer Gesinnungstreue zu festigen, damit mit ihnen nach dem Ende des „Dritten Reiches“ unverzüglich die demokratische Reorganisation in Angriff genommen werden konnte.
Elf Jahre lang stand Maaß unter Polizeiaufsicht, sah sich fortgesetzt Haussuchungen und Verhören ausgesetzt, worunter natürlich auch seine Frau Anna sowie sicherlich kaum anders beider drei Kinder erheblich zu leiden hatten. Obgleich er eigentlich ein striktes Schreibverbot hätte befolgen müssen, setzte er sich hierüber jedoch beharrlich hinweg und verfasste heimlich zahlreiche pädagogischen Skizzen, Exzerpte und Abhandlungen. Spätestens seit 1942 pflegte er einen regen brieflichen Gedankenaustausch mit seinem Bremer Lehrerkollegen Fritz Gansberg. Seine in diesem Zusammenhang erarbeiteten reformpädagogischen Konzeptionen waren allesamt Vorarbeiten zu einem für die Zeit nach Hitler geplanten, doch dann wegen seiner nun wieder so zahlreichen anderen Inanspruchnahmen nicht mehr realisierten Fachbuch zur pädagogischen Fundierung der neuen Demokratie. Etwa zur gleichen Zeit schrieb übrigens der berühmte Parteienforscher Prof. Dr. Ludwig Bergsträsser im nahen Darmstadt eine verfassungspolitische sowie eine bildungspolitische Denkschrift für Wilhelm Leuschner, den früheren Innenminister des Volksstaates Hessen und nunmehrigen Berliner Anführer eines reichsweiten antinazistischen Vertrauensleutenetzwerks primär sozialdemokratisch-gewerkschaftlicher Prägung. Ob der mit Leuschner hierbei recht eng kooperierende Prof. Dr. Adolf Reichwein bei seinem zu jener Zeit zwecks Anwerbung neuer Mitstreiter für den Widerstand durchgeführten Wiesbaden-Besuch neben dem einstigen Junglehrer-Obmann des aufgelösten Preußischen Lehrervereins Walter Jude auch Johannes Maaß aufgesucht hat, entzieht sich unserer Kenntnis, ist aber nicht völlig auszuschließen. Und nicht anders lässt sich Maaß‘ unmittelbare oder auch nur indirekte Verbindung zum von Heinrich Maschmeyer konspirativ angeleiteten hiesigen Vertrauensleutestützpunkt Leuschners zwar als wahrscheinlich annehmen, nicht jedoch hieb- und stichfest nachweisen.
In den Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 war Maaß jedenfalls nicht
involviert. Er hätte sich allerdings im Falle des Gelingens jener Aktion
mit Sicherheit sofort für die dann unmittelbar in Angriff zu nehmende
demokratische Rekonstruktionsarbeit zur Verfügung gestellt. Im Zuge der
reichsweiten Festnahmeaktion im Anschluss an das gescheiterte
Unternehmen militärischer und ziviler Widerstandskräfte wurde auch Maaß
im August 1944 inhaftiert. Nach mehrwöchiger Haft im Wiesbadener
Polizeigefängnis wurde er ins KZ Dachau überstellt, aus dem er erst zu
Beginn des folgenden Jahres wieder freikam.
Seit seiner Rückkehr nach Wiesbaden Ende Mai 1945 legte sich Johannes
Maaß unverzüglich für die Wiederherstellung demokratischer Strukturen
auf kommunaler wie auch auf Landesebene ins Zeug. Erst machte er sich im
Rahmen des Anti-Nazi-Bundes um die Vorbereitungen zur Wiedergründung der
SPD in unserer Stadt verdient. Außerdem erwarb er sich Meriten als
Vorsitzender des Aufbau-Ausschusses Wiesbaden sowie anschließend bis
1946 auch des Bürgerrates. Überdies wirkte er ebenfalls 1945 als
Mitglied zunächst der provisorischen Landesleitung, dann des erweiterten
Präsidiums seiner Partei in Hessen. Von 1945 bis 1947 war er lokaler
Vorsitzender der SPD, 1946 Stadtverordneter und alsdann hauptamtlicher
Stadtrat bzw. schon seit dem Vorjahr Schul- und Kulturdezernent, und
zwar dies bis zu seinem Lebensende. Nicht weniger verdienstvoll war sein
Engagement als Mitbegründer des neuen Volkshochschulbundes im Jahr 1946
sowie als vorläufiger Leiter der nun neu gegründeten VHS, sodann 1948
als pädagogischer Leiter der damaligen Parteischule der Wiesbadener SPD,
im Jahr darauf als Mitbegründer der Werkkunstschule und dazu noch als
Aktivist in vielen weiteren, zumeist ehrenamtlichen Funktionen. Wie im
Prinzip alle, die nach der Befreiung von der NS-Gewaltherrschaft unsere
neue Demokratie schufen, war Maaß fest davon überzeugt, dass diese
unbedingt kämpferisch zu sein habe, um nicht unter bestimmten widrigen
Bedingungen womöglich das gleiche Schicksal erleiden zu müssen wie einst
die Republik von Weimar.
In Wiesbaden erinnern eine Straße und eine an dieser gelegene, ebenfalls nach ihm benannte Grundschule an ihn. Wegen seiner hervorragenden Verdienste um die Landeshauptstadt Wiesbaden ist sein Grab auf dem Nordfriedhof als Ehrengrab zuerkannt worden.
Dr. Axel Ulrich
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Johannes Maaß
Stadtarchiv Wiesbaden, Multimediaabteilung, F 003238
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Stadtarchiv Wiesbaden, NL 36, Nr. 45
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Stadtarchiv Wiesbaden, NL 36, Nr. 111
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Brief aus dem KZ Dachau an seine Ehefrau Anna
Stadtarchiv Wiesbaden, NL 36, Nr. 5
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Stadtarchiv Wiesbaden, NL 36, Nr. 6
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Stadtarchiv Wiesbaden, NL 36, Nr. 12
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Todesanzeige der Landeshauptstadt Wiesbaden
„Wiesbadener Tagblatt“, 28. April 1953